Sammlung im Blick: Zeitgenössische Kunst aus Leipzig

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Sammlung im Blick: Zeitgenössische Kunst aus Leipzig

24.09. — 08.11.2020

David Schnell, Skulptur, 2005, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
David Schnell, Skulptur, 2005, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Edgar Leciejewski, Johannes, 2013, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Edgar Leciejewski, Johannes, 2013, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Henriette Grahnert, Teenage Radical, 2007, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Henriette Grahnert, Teenage Radical, 2007, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Neo Rauch, Bergfest, 2010, Leihgabe aus Privatsammlung, © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Neo Rauch, Bergfest, 2010, Leihgabe aus Privatsammlung, © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Katharina Schilling, Soup & Soap, 2014, Schenkung Johann Georg Ültzen, Wiesbaden, © Künstlerin
Katharina Schilling, Soup & Soap, 2014, Schenkung Johann Georg Ültzen, Wiesbaden, © Künstlerin
Matthias Weischer, Innenraum, 2001, © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Matthias Weischer, Innenraum, 2001, © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Miriam Vlaming, Haus Daheim, 2009, 2017 Schenkung Galerie Dukan, Paris/Leipzig und der Künstlerin, © Künstlerin
Miriam Vlaming, Haus Daheim, 2009, 2017 Schenkung Galerie Dukan, Paris/Leipzig und der Künstlerin, © Künstlerin
Sebastian Gögel, Ohne Furcht, 2014, erworben mit Mitteln der BMW-Niederlassung Leipzig, © Künstler
Sebastian Gögel, Ohne Furcht, 2014, erworben mit Mitteln der BMW-Niederlassung Leipzig, © Künstler

Im MdbK bildet die aktuelle Kunstentwicklung aus Leipzig einen wichtigen Schwerpunkt im Sammlungsbereich der Zeitgenössischen Kunst. Diese inhaltliche Ausrichtung hat ihre Wurzeln in der Einrichtung einer Malereiklasse an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) 1961 durch den damaligen Rektor Bernhard Heisig. Aus ihr sind in kurzer Folge zahlreiche erfolgreiche Künstler*innen mit nationalem und internationalem Bekanntheitsgrad hervorgegangen, so dass die Messestadt Leipzig sich zum progressiven Zentrum für bildende Kunst in der DDR entwickelte und sich hierfür bereits Anfang der 1970er Jahre der Sammelbegriff Leipziger Schule etablierte. Diese Bezeichnung steht verallgemeinernd für die Fortschreibung der gegenständlichen Malerei der Klassischen Moderne mit expressiven oder neusachlichen Ausdrucksmöglichkeiten.

Neo Rauch setzte sich mit dieser wichtigen Kunstströmung der Nachkriegsmoderne intensiv auseinander, als er an der HGB bei Arno Rink Malerei studierte und im Anschluss Meisterschüler von Bernhard Heisig war. Die Anlagen zu seinem unverwechselbaren Malstil, mit dem er der internationalen Kunstentwicklung dauerhafte Impulse verliehen hat, begann er um 1993 zu entwickeln. Rauch ist mit der Malerin Rosa Loy verheiratet, die ebenfalls in den späten 1980er Jahren Studentin an der HGB war. Beide haben in gegenseitiger Förderung und Beeinflussung eine an Traumwelten erinnernde, subjektive Bildsprache entwickelt. Mit ihren individuell zu unterscheidenden Malstilen, die sich jeweils aus Quellen der Hoch- und Populärkultur speisen, haben sie der Historienmalerei neue und bis dahin unbekannte Erzählräume eröffnet.

Nahezu zeitgleich formierte sich an der HGB eine jüngere Generation von Künstler*innen, die ebenfalls im Bereich der gegenständlichen Malerei neue stilistische Ausdruckmöglichkeiten insbesondere für die Darstellung von Landschaft und Interieur entwickelte. Für sie entstand –in historischer Abgrenzung zur Malereientwicklung aus Leipzig bis ca. 1989 – die Bezeichnung Neue Leipziger Schule. Es handelt sich hierbei aber um keinen einheitlichen Stilbegriff, dafür sind die künstlerischen Positionen zu unterschiedlich. Ein gemeinsames Erkennungsmerkmal mag das Interesse sein, in den Gemälden die Grenzen zwischen abstrakten und gegenständlichen Malzonen aufzulösen. Zu den engeren Vertretern der Neuen Leipziger Schule, die überwiegend in den 1970er Jahren geboren wurden, gehören unter anderem: Tilo Baumgärtel, Katrin Brause (Katrin Heichel), Tim Eitel, Jörg Ernert, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, Julia Schmidt, David Schnell, Miriam Vlaming und Matthias Weischer. In das nähere stilistische Umfeld können aufgrund ihrer gegenständlichen Malweise weiterhin Künstler*innen zugerechnet werden, die aus der Rauch-Klasse hervorgegangen sind oder einige Jahre jünger sind, wie Johannes Rochhausen, Sebastian Gögel, Malte Masemann, Maria Sainz Rueda, Titus Schade und Claus Georg Stabe.

Die zeitgenössische Malerei wird in Leipzig auch durch abstrakte Positionen geprägt, die im MdbK unter anderem durch die Werke von Franziska Holstein, Peter Krauskopf und Benedikt Leonhardt repräsentiert werden. Ironische, naive, antikünstlerische Haltungen werden hingegen in den Gemälden von Henriette Grahnert, Tobias Hild, Paule Hammer, Oliver Kossack, dem Künstlerduo ART N MORE (Paul Bowler & Georg Weißbach) und Katharina Schilling sichtbar. In ihren Bildern gibt es zwar noch Spuren gegenständlicher Malerei und erklärende Werktitel, aber die Entstehung einer Erzählung kommt durch die Aufgabe eines einheitlichen Perspektivraumes nur noch dekonstruiert und äußerst fragmentarisiert zustande.
Einen weiteren wichtigen Sammlungsschwerpunkt bildet die zeitgenössische Fotografie aus Leipzig, die an der HGB bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige Kunstgattung Unterrichtsgegenstand war. Sie wurde bewusst berücksichtigt, um aufzuzeigen, dass sowohl in der Fotografie als auch in der Malerei verwandte Themen verhandelt werden: die Konstruktion von Innen- und Außenräumen bei Margret Hoppe, Ricarda Roggan und Björn Siebert, die Auseinandersetzung mit der Figur bei Edgar Leciejewski oder die Ambivalenz von gegenständlichen und abstrakten Oberflächenstrukturen bei Bertram Kober.

Edgar Leciejewski, Johannes, 2013, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020
Edgar Leciejewski, Johannes, 2013, Dauerleihgabe der Förderer des Museums der bildenden Künste Leipzig e. V., © VG Bild-Kunst Bonn, 2020