Pieter Pietersz.

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Pieter Pietersz.

Der Graupenzähler

08.11.2018 — 10.03.2019

Pieter Pietersz., Der Graupenzähler, um 1570/75, MdbK, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Öl auf Holz, 110 x 81 cm
Pieter Pietersz., Der Graupenzähler, um 1570/75, MdbK, Foto: InGestalt/Michael Ehritt Öl auf Holz, 110 x 81 cm

Pieter Pietersz. (Antwerpen 1540–1603 Amsterdam) stammte aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater war der Amsterdamer Maler Pieter Aertsen, der sich auf Markt- und Küchenbilder spezialisiert hatte. In den Niederlanden florierte im 16. Jahrhundert eine profane Malerei, die neben religiösen Themen ausgewählte Aspekte des Alltagslebens darstellte. Die Maler illustrierten mitunter Sprichwörter mit scharfsinnigen Bildern, in denen die Lebenswirklichkeit komisch überspitzt oder verdreht widergespiegelt wurde.

Ein Mann hockt auf einem viel zu kleinen Stuhl und verrichtet eine absurde Tätigkeit: Er zählt die Gerstenkörner einzeln in den Topf ab und wird damit als ein lächerlicher Geizkragen, Erbsenzähler und Pfennigfuchser entlarvt, der der weiblichen Haushaltsführung nicht traut und sich dadurch von seinen eigentlichen Aufgaben außer Haus ablenken lässt. Hering, Brot und Zwiebeln, sein spärliches Mahl, deuten auf seinen Geiz; die Spinnhaspel, Garnspule und Nadeln zu seinen Füßen sind nach damaligem Rollenverständnis die Werkzeuge der Frau. Im Hintergrund sehen wir eine Küchenmagd, die einen Kohlkopf in den Händen hält – eine drastische Anspielung auf den geistigen Zustand des Mannes. Der am Kamin angebrachte Zettel macht seine Ambition deutlich: „Sal ick den huisraet te recht bestellen / Soo moet ickt’goort selfs in de pot tellen“ (Wenn ich den Hausrat richtig führen will, muss ich die Graupen selbst in den Topf zählen.).

Die Urbanisierung der niederländischen Gesellschaft im 16. Jahrhundert brachte eine Dynamisierung und Modernisierung vieler Lebensbereiche mit sich, in deren Folge auch die überlieferten Geschlechterrollen partiell infrage gestellt wurden. Zwischen dem vernünftigen Kaufmann und dem übertriebenen Geizkragen wurde zudem fein unterschieden. Das Bild geht möglicherweise auf eine verschollene Komposition von Pieter Aertsen zurück, der auf einem Kupferstich mit diesem Motiv von Hendrik Bary als Maler angegeben wurde. Es scheint ein regelrechter „Bestseller“ gewesen zu sein, da es in der Werkstatt von Pieter Pietersz. mehrfach als Gemälde wiederholt und variiert wurde. Dies bereits um 1560, wie die dendrochronologische Untersuchung der wohl frühesten Fassung zeigt, die als Leihgabe aus einer Privatsammlung in dieser Kabinettausstellung erstmals in einem Museum zu sehen ist. Eine zweite Version, die sich heute in Brüssel befindet (St. Gilles, Rathaus) ist auf 1567 datiert. Das Leipziger Bild ist um 1570/75 entstanden. Insgesamt haben sich damit mindestens drei eigenhändige Fassungen des Bildes von Pieter Pietersz. erhalten sowie mehrere Kopien. Der Erfolg dieses zugleich komischen und künstlerisch bedeutenden Bildes zeigt, dass Satire und Kunst in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts eine brillante Synthese eingehen konnten.

Die Restaurierung

In der Kabinettausstellung wird das Gemälde Der Graupenzähler aus dem 16. Jahrhundert nach einer aufwendigen und langjährigen Restaurierung erstmalig seit 1945 gezeigt. Auf Grund seines schlechten Erhaltungszustandes wurde es seitdem nicht mehr öffentlich ausgestellt. Eine Dokumentation gibt Einblick in die vielfältigen Arbeitsschritte der Restaurierung. Anlass für die Restaurierung waren eine durchgehend zerbrochene Leimfuge in der Holztafel großflächige Farbschichthebungen und das ästhetisch unbefriedigende Erscheinungsbild, geprägt von gealterten Firnissen und früheren Restaurierungen. Kompakt aufgetragen Retuschen und Übermalungen verdeckten umfangreiche Substanzverluste, Kratzer und Schlagstellen. Schlechte Klimaverhältnisse hatten die Beschädigungen an Malschichten und Bildträger verursacht. Die Voruntersuchung offenbarte in der linken oberen Ecke ein gänzlich übermaltes Bilddetail, dass sich in der Streiflichtanalyse deutlich abzeichnete. Wie auf den Fotos zu sehen ist, konnte das Rätsel mit der Infrarot- und Röntgendiagnostik gelöst werden. Eine auf hellen Grund gemalte Inschrift erklärt mit einem Reim in niederländischer Sprache die Bedeutung der Darstellung. In einigen Bildbereichen war es schwierig, die Originalmalerei von den Übermalungen zu unterscheiden. Um diese Fragen eindeutig zu beantworten, mussten punktuell kleinste Farbschichtproben entnommen und zu einem Querschliff verarbeitet werden. Dieser erlaubt einen mikroskopischen Einblick in den Schichtenaufbau der Malerei.

Pieter Pietersz. hat das Bild mit Ölfarbe auf eine grundierte Eichenholztafel gemalt, die aus drei horizontal zusammengefügten Brettern besteht. Vor der Restaurierung der Bildoberfläche galt es den zerbrochenen Träger wieder zusammenzufügen. Das bündige Verleimen der in sich verzogenen und verwölbten Bretter verlangte nach einer eigens zu diesem Zweck konstruierten Spannvorrichtung, die die Fuge horizontal zusammenpresste und zugleich eine Höhennivellierung der Brettstöße auf der Bildseite durch vertikale Druckpunkte ermöglichte. Neben der Abnahme der vergilbten Firnissschichten wurden alle nicht zum Original gehörenden Zutaten, wie Übermalungen und Kittmassen, unter dem Mikroskop entfernt. Die nächsten Arbeitsschritte beinhalteten das Verfüllen aller Fehlstellen mit einer aus tierischen Leimen und Kreide bestehenden Kittmasse und deren exakte Niveauangleichung an die Originalsubstanz. Nach der Kittung folgte die farbliche Ergänzung aller Fehlstellen. Neben der Firnisabnahme gehört die Retusche zu den zeitaufwendigsten und kompliziertesten Phasen einer Restaurierung. Bei der Wahl des Farbmediums aus Pigmenten und Bindemitteln wird darauf geachtet, dass sich die Materialien im Verlauf ihres Alterungsprozesses möglichst wenig verändern und die Ergänzungen weitestgehend reversibel bleiben. Daher kamen hochwertige, wässrige Farbsysteme, wie Gouache oder Aquarell, die mit der Zusammensetzung der Originalmalerei bezüglich ihrer Bindemittel nicht identisch sind, zur Anwendung. Den Abschluss bilden dünne Lasuren, die in Kunstharz gebundene Pigmente enthalten. Um den Farben des Gemäldes ihre ursprüngliche Tiefe und Leuchtkraft zu verleihen wurde zum Abschluss ein Naturharzfirnis aufgetragen.