Sichtbarmachen
Leerstellen Sichtbarmachen
Im Rahmen des Projektes „Sichtbarmachen – Spuren jüdischen Engagements im MdbK“ hat das Projektteam fünf Biografien von jüdischen Stifterinnen und Stiftern erarbeitet. Sie haben sehr unterschiedliche Verbindungen zum Museum: einige förderten das MdbK finanziell, andere stifteten sehr umfangreich Kunst. Einige Familien sind aufgrund von Restitutionsverhandlungen mit dem Museum verbunden. Allen gemeinsam ist, dass sie wichtige Kunstwerke dem MdbK schenkten. Sharon Adler hat die Biografien gemeinsam mit dem MdbK verfasst und eingesprochen. Sie leiht damit den ehemaligen Familien aus Leipzig ihre Stimme.
Hörbiografien jüdischer Stifter*innen
Cläre Kirstein (1885-1939) setzte sich für die Gleichberechtigung von Frauen ein und legte zusammen mit ihrem Mann Gustav (1870-1934) eine umfängliche Kunst- und Büchersammlung an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten half sie ihren Kindern und ihrem Neffen bei der Flucht nach Amerika. Sie selbst konnte nicht mehr emigrieren und beging kurz vor ihrer Deportation am 29. Juni 1939 Selbstmord. Aus der Kunstsammlung gelangten viele Werke in den Bestand des MdbK, die im Jahr 2000 restituiert wurden.
Hermann (1865-1942) und Antonie (genannt Toni, 1877-1950) Halberstam waren karitativ und kulturell besonders aktiv. Ihre umfangreiche Kunstsammlung umfasste Werke des deutschen und französischen Impressionismus. Sie förderten auch Leipziger Künstler, wie Eduard Einschlag (1879-1945), der selbst jüdisch war und im Konzentrationslager Treblinka ermordet wurde. Dem Ehepaar Halberstam gelang die Flucht, viele der Kunstwerke aus ihrer Sammlung gelten bis heute als verschollen.
Moritz Kraemer (1859-1926) lebte vermutlich von 1913 bis 1924 in Leipzig. Er war Direktor der Dresdner Bank und stammte aus dem damaligen Schlesien. Er legte eine große Kunstsammlung an und stand im engen Kontakt mit dem MdbK. Kurz vor seinem Tod 1926 zog er nach Luzern, möglicherweise aus gesundheitlichen Gründen. Dem Museum vermachte er den Großteil seiner Sammlung mit über 60 Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Seine Familienmitglieder wurden im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet. Bislang wissen wir nur wenig über die Biografie dieses wichtigen Mäzens.
Laura Sonntag (1893-1979), in Chicago geboren, lebte und arbeitete in Leipzig. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Carl (1883-1930), einen bedeutenden Kunstbuchbinder und Einbandkünstler kennen. Gemeinsam sammelten sie Kunst. Carl verstarb bereits 1930. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie radikal. Laura Sonntag und ihre Kinder konnten fliehen, die Kunstsammlung musste sie in Leipzig lassen. Sie wurde versteigert und einige der Werke vom MdbK erworben. 1994 erhielten die Töchter ihr Eigentum aus dem Museum zurück.
Wilhelm Breslauer (1887-1949) engagierte sich ehrenamtlich für das MdbK. Er war Vorsitzender des 1921 gegründeten Verein Freunde der Grafischen Sammlung. Bis 1933 erwarb dieser mehrere hundert Blätter für das Museum und finanzierte auch die Ausstattung von Räumlichkeiten sowie konservatorische Maßnahmen. Breslauer und seine beiden Töchter emigrierten aufgrund der Verfolgung im Nationalsozialismus. Seine erste Frau und Mutter seiner Kinder, Erna (1889-1940), wurde ermordet. Sie ist ein Opfer des so genannten Euthanasieprogramms, das die systematische Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen bezeichnet.
Das Stiftermosaik
Alternativ zu den in Museen üblichen Stiftertafeln mit Namensreihen sind im Stiftermosaik (2004) von Stephan Huber bedeutende historische sowie gegenwärtige Stifter, Mäzene und Förderer des MdbK in Auswahl dargestellt. Ort der szenischen Collage ist das Münchener Atelier Stephan Hubers, der die Sammler in seine Werkstatt als Raum künstlerischer Produktivität stellt. Huber beschreibt seine Bildgedanken folgendermaßen: „Die um einen Tisch gruppierten Akteure befinden sich in einer Diskussion über das Modell des neuen Muse ums. Die Protagonisten des Gespräches sind Maximilian Speck von Sternburg, dessen Sammlung Grundstock des Museums ist, sowie der ihm bekannte Leo von Klenze, der Architekt vieler idealer Museumsbauten war, und Caspar David Friedrich, von dem sich nicht nur wichtige Bilder in der Sammlung befinden, sondern der auch freundschaftlich mit Maximilian Speck von Sternburg verbunden war. Diese drei Personen bilden das „dramaturgische Dreieck“ der Komposition.
Die Zuhörer um den Tisch sind zusammengefasst in einer Momentaufnahme, einer Gleichzeitigkeit verschiedener Epochen. Bestandteile dieser Simultanität sind nicht nur Fotoapparat, Freischwinger und biedermeierliches Rüschenhemd, sondern auch die in die Zukunft weisenden Kinder im Vordergrund meines zeitgenössischen Historienbildes, aber auch die im Hintergrund befindlichen Landkarten, eigene Arbeiten aus dem Jahre 2001, die dem MdbK gehören. Das Mosaik als eine der ältesten und erhabensten Kunsttechniken, in diesem Fall unterstützt vom Computer und befreit von der persönlichen Handschrift des Verlegeduktus, nobilitiert die Freunde und Förderer des Museums. Es ist durchaus denkbar, auch zukünftige Stifter in dieses Mosaik einzufügen.“
Die Protagonisten
Für das Mosaik ausgewählt wurden (v. l. n. r.):
Maximilian Speck von Sternburg (1776–1856) und seine Frau Charlotte Hänel von Cronenthal (1787–1836)
Die umfangreiche Gemäldesammlung des Großkaufmanns und Kunstsammlers Maximilan Speck von Sternburg, die Gemälde von Rogier van der Weyden und Caspar David Friedrich umfasste, zählte zu den renommiertesten privaten Kollektionen Deutschlands in ihrer Zeit. Speck von Sternburg machte sie frühzeitig der Öffentlichkeit zugänglich.
Hermann Härtel (1803–1875)
Härtel leitete zusammen mit seinem Bruder Richard den Musikverlag Breitkopf & Härtel, war Gründungsmitglied des Leipziger Kunstvereins und schenkte dem Museum seine bedeutende Kartonsammlung sowie Gipsabdrücke italienischer Renaissanceplastik.
Hans-Peter Bühler (geb. 1942) und Marion Bühler-Brockhaus (geb. 1944)
Das Sammlerehepaar Bühler-Brockhaus, über viele Jahre als Kunsthändler tätig, ist Mitglied im Förderverein des Museums der bildenden Künste e. V. und schenkt dem Museum mit der Eröffnung des Neubaus eine bedeutende Sammlung mit Malerei, Plastik und Zeichnungen, deren Schwerpunkt auf der Schule von Barbizon liegt.
Carl Lampe (1804–1889)
Der Unternehmer Carl Lampe gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Leipziger Kunstvereins und setzte sich zeitlebens für das Museum der bildenden Künste ein, dem er bedeutende Kunstwerke wie den Schmerzensmann vom Meister Francke schenkte.
Heinrich Brockhaus (1804–1874)
Heinrich Brockhaus entstammte einer der wichtigsten Verlegerfamilien Leipzigs, die den bis heute legendären Brockhaus herausbrachte. Er zählte 1837 zu den Gründungsmitgliedern des Leipziger Kunstvereins.
Fritz von Harck (1855–1917)
Das Interesse des Kunstsammlers und -historikers Fritz von Harck, der mit dem langjährigen Leiter des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums, Wilhelm von Bode, befreundet war, galt insbesondere der italienischen Kunst der Renaissance. Er engagierte sich nachhaltig für das Leipziger Kunstgewerbemuseum, dem drei Fünftel der Mittel seines Vermächtnisses zufielen, während zwei Fünftel an das Museum der bildenden Künste gelangten. Meisterwerke wie Hans Baldung Griens Die sieben Lebensalter des Weibes stammen aus seiner Sammlung.
Leo von Klenze (1784–1864)
Klenze ist einer der großen Museumsarchitekten des 19. Jahrhunderts, der in München mit der Alten Pinakothek (1836 vollendet) einen neuen Typus der Gemäldegalerie schuf. Klenze war mit Maximilian Speck von Sternburg bekannt, der auch ein Gemälde von ihm besaß.
Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg (geb. 1935)
Als Ururenkel von Maximilian Speck von Sternburg hatte Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg wesentlichen Anteil an der 1996 geglückten Gründung der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste. Die Kunst schätze seiner Vorfahren waren 1949 in Volkseigentum der DDR über gegangen und nach 1989 in Familienbesitz zurückgeführt worden. Durch die Stiftungsgründung konnten sie dauerhaft für Leipzig gesichert werden. Als Präsident der Stiftung engagiert sich Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg für die Pflege der Sammlungsbestände und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Adolf Heinrich Schletter (1793–1853)
Der Seidenhändler und Kunstsammler Schletter vermachte der Stadt Leipzig sein Vermögen und seine Kunstsammlung mit der Auflage, innerhalb von fünf Jahren
ein neues Kunstmuseum zu er bauen. Das erste „Bildermuseum“ auf dem Augustusplatz ging somit auf seine Initiative zurück.
Paul Geipel (1869–1956)
Der Arzt, Pathologe und Kunstsammler Geipel, in Dresden am Johannstädter Krankenhaus sowie im Sächsischen Serumwerk tätig, machte die Plastik zu seinem
bevorzugten Sammelgebiet. Er schenkte dem Museum eine umfangreiche Sammlung mit Tierplastiken von August Gaul, aber auch das Bild Salome II von Lovis
Corinth.
Caspar David Friedrich
(1774–1840)
Bedeutendster Künstler der Romantik in Deutschland, der auch im Auftrag von Maximilian Speck von Sternburg tätig war.






