Nachruf Evelyn Richter

Evelyn Richter

Evelyn Richter war eine der bedeutendsten, international beachteten Vertreter*innen der humanistisch geprägten künstlerischen Fotografie in der DDR. Am Morgen des 10. Oktober 2021 ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben.

Evelyn Richter war eine herausragende Künstlerpersönlichkeit. Ihr Interesse galt zeit ihres Lebens den gestalterischen und gesellschaftlichen Aufgaben der Fotografie. Das Medium war für sie ein Mittel der Geschichtswahrnehmung. Ein Bild sollte ästhetisch und formal überzeugen, Inhalte vermitteln, Emotionen auslösen und verdichten. Evelyn Richters fotografische Studien der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitmenschen konterkarierten das Selbstbild der DDR als eine vermeintlich menschlichere Gesellschaft. „Das offizielle Klischee verlangte zu sehen, was sein sollte und nicht was real existierte“ beschrieb die Fotografin die offiziellen Anforderungen. Als Lehrende an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst konnte sie in den Jahren von 1981 bis 2001 junge Fotograf*innen zum Sehen und Fotografieren anleiten.

Im Oktober 2020 wurde Evelyn Richters Lebenswerk mit dem Bernd und Hilla Becher-Preis der Stadt Düsseldorf gewürdigt. Viele ihrer Werke sind im kollektiven Bildgedächtnis verankert. Durch ihr umfangreiches künstlerisches Werk, das seit 2009 im Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK bewahrt, erforscht und vermittelt wird, sowie viele intensive Gespräche und gemeinsame Reisen bleibt Evelyn Richter für uns unvergessen. In ihren Werken wird sie weiterleben.
Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie.

Evelyn Richter 2013 im MdbK, © PUNCTUM/Alexander Schmidt
Evelyn Richter 2013 im MdbK, © PUNCTUM/Alexander Schmidt

Ausbildung

Evelyn Richter, Selbstinszenierung, TU Dresden 1952, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Selbstinszenierung, TU Dresden 1952, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Geboren am 31. Januar 1930 in Bautzen, wuchs sie in der Oberlausitz auf und besuchte eine Schule der Herrnhuter Gemeinde. Nach einer Fotografenlehre in Dresden bei Pan und Christine Walther, wo sie das traditionelle Handwerk erlernte, suchte sie eine künstlerische Herausforderung: Sie begann 1953 ein Studium in Leipzig, das sie jedoch nach zwei Jahren aufgrund ihrer unfreiwilligen Exmatrikulation vorzeitig beenden musste. Richters hohen Erwartungen an die künstlerische Lehre wurden nicht erfüllt. Lehrziele und Lerninhalte waren in den 1950er Jahren an der Hochschule ebenso wie die kulturpolitische Diskussion und die berufliche Realität noch nicht auf das Berufsbild einer künstlerisch arbeitenden Fotografin zugeschnitten. Das offiziell propagierte Bild vom Aufbau des jungen sozialistischen Staates und seinen zuversichtlichen und tatkräftigen Bürger*innen entsprach nicht den Bildvorstellungen Evelyn Richters. Sie suchte das „ungeschönte“ Menschen- und Lebensbild ihrer eigenen Lebensrealität. Angeregt durch die Fotografenagentur Magnum und die von Edward Steichen organisierte Ausstellung Family of Man, die Richter 1955 in West-Berlin besuchte, fand sie fotografische Vorbilder außerhalb der Staatsgrenzen. Der dort verfolgte Ansatz, das menschliche Leben in seiner Vielfalt fotografisch festzuhalten und als ästhetisches Bild im sozialen Bewusstsein zu verankern, bestätigte und motivierte Evelyn Richter über die gesamte Zeit ihres Schaffens.

Künstlerische Anfänge

Eva Wagner, Ursula Arnold und Evelyn Richter beim Arbeitseinsatz, Leipzig, 1953/54, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Eva Wagner, Ursula Arnold und Evelyn Richter beim Arbeitseinsatz, Leipzig, 1953/54, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Leipzig um 1955, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Leipzig um 1955, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Ihre ersten Motive fand Evelyn Richter im privaten Umfeld und in der Leipziger Hochschule, seltener auf der Straße. Das kriegszerstörte Leipzig war – anders als Dresden – kein offiziell gewünschtes Fotomotiv, dennoch ging sie eigene Wege und wagte den Blick hinaus in den Alltag. Der Versuch, gemeinsam mit einer Reihe von Kommiliton*innen 1956 unter dem kämpferischen Namen action fotografie Bilder auszustellen, die ihnen persönlich wichtig waren und in denen sie eine neue Sicht auf Mensch und Umwelt zum Ausdruck bringen wollten, scheiterte 1957 nach der zweiten Ausstellung an den kulturpolitischen Rahmenbedingungen.

Moskaureise

Evelyn Richter, Italienischer Beitrag zum Weltjugendfestival, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Italienischer Beitrag zum Weltjugendfestival, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Tretjakow-Galerie, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Tretjakow-Galerie, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Moskau, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Eine Reise nach Moskau zum Weltjugendfestival im Frühsommer 1957 erweist sich in der Rückschau als prägendes Erlebnis für das Werk Evelyn Richters. Die sie anrührenden Begegnungen mit den Menschen hielt sie fotografisch fest. Da ihre bis dahin bevorzugte Mittelformatkamera ausfiel, lieh sie sich eine Kleinbildkamera und fand so endlich das passende Ausdrucksmittel, um ihre Eindrücke schnell und unauffällig festzuhalten. In Moskau fotografierte sie erstmals Museumsbesucher*innen im Moment der Kunstbetrachtung. Ihr Ziel war zunächst eine einzelne Reportage, doch wurde das Thema ihr erstes Langzeitprojekt.

Seit diesem ersten Moskau-Besuch waren die Motive von Richters freier künstlerischer Arbeit nur noch von ihrer alltäglichen Umwelt geprägt. Sie begann in Serien zu arbeiten: Mit der Kamera, einer Leica, beobachtete sie Menschen unterwegs. Richters Bilder waren jedoch nie voyeuristisch, sondern stets getragen von Empathie sowie von der Motivation, gesellschaftliche Zustände aufzuzeigen. Fotografie war für sie ein Mittel der Geschichtswahrnehmung. Ihre fotografischen Studien der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitmenschen konterkarierten das Selbstbild der DDR als eine vermeintlich menschlichere Gesellschaft. Es entstanden Werkgruppen zu den Themen arbeitende Frauen, Lehrlinge, Reisende in öffentlichen Verkehrsmitteln, Ausstellungsbesucher*innen und Künstler*innenporträts, aber auch Stadtlandschaften, welche die Tristesse, den Verfall und die Lebensumstände in der DDR thematisieren.

Musik und Musiker*innen

Evelyn Richter, David Oistrach, Berlin 1963, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, David Oistrach, Berlin 1963, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Die Musik entwickelte sich für Evelyn Richter zu einem hoch geschätzten Arbeitsfeld und einem Ort der inneren Emigration. Ohne Blitzlicht fotografierte sie Musiker*innen und Dirigenten bei Proben und Unterrichtsstunden aus unmittelbarer Nähe, bei Aufführungen aus der Distanz des Zuschauerraums oder des Orchestergrabens. Von großer Bedeutung waren für die Fotografin die „Arbeitsporträts“ des Geigers David Oistrach und des Komponisten und Dirigenten Paul Dessau, die sie über mehrere Jahre bei ihrer Arbeit begleitete. Beiden widmete sie in den Jahren 1973 und 1974 je eine Publikation.

Alltag

Evelyn Richter, Straßenbahn, um 1972, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Straßenbahn, um 1972, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Geschlossener Bahnhof bei Berlin, 1968, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Geschlossener Bahnhof bei Berlin, 1968, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Dresden, um 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Dresden, um 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Straßenbahn, Dresden, 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Straßenbahn, Dresden, 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Evelyn Richter arbeitete stets freiberuflich. Mit Auftragsarbeiten für das Theater, Zeitschriften und die Leipziger Messe konnte sie sich eine finanzielle Grundlage für ihre freie künstlerische Arbeit schaffen. Vereinzelte Ausstellungen unter anderem in Köln (1978, 1979), München (1985, 1988) und Duisburg (1987) verweisen auf die Wertschätzung, die ihr auch außerhalb der DDR entgegengebracht wurde. 1981 kehrte die Fotografin als Lehrende an die HGB zurück. Sie übernahm eine Klasse und regte ihre Studierenden zu eigenständigem Arbeiten an. Im Herbst 1989 forderte Richter sie eindringlich auf, das politische Geschehen auf der Straße zu dokumentieren. Aus Westdeutschland organisierte sie lichtempfindliche Filme und ging selber auf die Straße, als Fotografin, Dokumentaristin und Demonstrantin.

Das Evelyn Richter Archiv

Evelyn Richter, An der Museumsinsel, Berlin, 1972, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, An der Museumsinsel, Berlin, 1972, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Magdeburg, 1968, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Magdeburg, 1968, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Musikviertel, Leipzig, 1976, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Musikviertel, Leipzig, 1976, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Vor Wolfgang Mattheurs Gemälde 'Die Ausgezeichnete', 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Vor Wolfgang Mattheurs Gemälde 'Die Ausgezeichnete', 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Pförtnerin im Rathaus, Leipzig um 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK
Evelyn Richter, Pförtnerin im Rathaus, Leipzig um 1975, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK

Das „Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig“ wurde mit Vertragsunterzeichnung am 12. November 2009 gegründet. Den Grundstock bildet der von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung erworbene Komplex der wichtigsten Werkgruppen der Fotografin. Die Arbeit des Archivs wird durch die grundlegenden musealen Aufgaben Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln bestimmt. Anhand der über 730 Motive lässt sich ihr künstlerisches Konzept studieren. Derzeit bereitet das Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK gemeinsam mit dem Kunstpalast Düsseldorf eine umfassende Ausstellung zum Werk der Fotografin vor.

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