Ch-ch-changes

Das Halbjahresprogramm ist da: 2022 steht für Veränderung im MdbK

Museum im Wandel

Anna Haifisch, Ch-Ch-Ch-Changes, 2021, © Künstlerin
Anna Haifisch, Ch-Ch-Ch-Changes, 2021, © Künstlerin

"Ch-ch-changes run and face the strange...", singt David Bowie in seinem 70er-Hit mit Ohrwurmqualität. Veränderungen – das passt zu uns! Denn dass Dinge in Bewegung geraten, ist wichtig: damit unser Haus lebendig bleibt.

Die Sammlungen des MdbK sind nicht statisch. Sie ermöglichen es vielmehr, neue und andere Fragen zu unserer Zeit zu stellen. Deshalb laden wir Sie ab Februar ein, auf über 1500 m² den Bilderkosmos Leipzig mit uns zu entwerfen. Wie soll Leipzigs Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts künftig gezeigt werden? Was sagt sie uns heute? Was denken Sie über das "Bilder-machen" in unserer Stadt?

Auch die Vorbereitungen für den Experimentierraum MdbK [next;raum] laufen auf Hochtouren: Hier übernehmen Leipziger*innen die (Co-)Kuration. Und sonst so? In seiner Ausstellung Von Disko zu Disko verschiebt Harry Hachmeister auf subtile Weise Geschlechterbilder und Rollenzuweisungen und zeigt dazu kraftstrotzende Keramiken und niedliche Vierbeiner. Tino Sehgal konstruiert Bewegungen und Situationen, die uns direkt einbeziehen und die Besuchenden selbst zu einem Teil der Ausstellung machen. Und Anna Haifischs Schau Chez Schnabel im Rahmen des 14. LVZ-Kunstpreises beschert uns melancholisch-hintersinnige Schnabelbesitzer*innen, die uns eine andere, humorvollere Weltsicht bringen.

Und "ch-ch-changes" gibt es schließlich auch im Erdgeschoss: im Frühjahr öffnen ein neues Café und ein neuer Shop ihre Türen.

Perspektiven eröffnen

MdbK Sammlungspräsentation, 2021, Foto: PUNCTUM/Alexander Schmidt
MdbK Sammlungspräsentation, 2021, Foto: PUNCTUM/Alexander Schmidt

Die Neupräsentation der eigenen Bestände setzt nicht nur kuratorische Konzeption und restauratorische Bearbeitung bislang magazinierter Werke voraus, sondern auch intensive Diskussionen im Kollegium: Welche Themen und Erzählungen adressieren wir mit den ausgestellten Werken? Wie dienen Texte der Vermittlung und ist ihre Sprache verständlich? Wie lassen sich Werke und Erfahrungen vergangener Epochen heute erschließen? Kürzlich wurden Galerieräume mit Kunst vom 15. bis zum 18. Jahrhundert neugestaltet. Sie sind chronologisch und thematisch gegliedert. Wandtexte helfen dabei, zeittypische Motive und Themen zu verstehen, wie den "Kampf der Konfessionen" im Zeitalter der Reformation oder die "Privatisierung des Bildes" im späten Mittelalter. Die wirtschaftliche Blüte und Anziehungskraft Leipzigs im 18. Jahrhundert spiegelt sich ebenso in der Sammlung wider wie der Handel mit versklavten Menschen. Und durch die Gegenüberstellung von Porträts von Anton Graff (1736–1813) und Harry Hachmeister (*1979) werden ungewohnte Perspektiven möglich.

Vor- und Nachlässe

Thomas Steinert, Letzte Arbeiten beim Wiederaufbau des Sachsenplatzes aus Anlass des 20. Jahrestages der DDR, 1969, © Künstler/MdbK
Thomas Steinert, Letzte Arbeiten beim Wiederaufbau des Sachsenplatzes aus Anlass des 20. Jahrestages der DDR, 1969, © Künstler/MdbK

Das MdbK bewahrt größere Werkgruppen, die ihm von Künstler*innen oder deren Erb*innen überlassen wurden. Schwerpunktmäßig liegt das Forschungsinteresse hier auf dem Medium Fotografie. So werden im Museum die von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung erworbenen Nachlässe von Evelyn Richter (1930–2021) und Ursula Arnold (1929–2012) bewahrt und wissenschaftlich bearbeitet. Beide Fotografinnen sind wichtige Vertreter*innen der künstlerischen wie dokumentarischen Fotografie der DDR. Mit Unterstützung der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen konnte das MdbK unlängst den Vorlass des Fotografen Thomas Steinert (*1949) sichern. Über mehr als zwei Jahrzehnte trug Steinert ein Archiv zusammen, das sensibel beobachtete Aufnahmen des Alltags in der DDR enthält.

Die Titel-Frage

Frans Hals, Peeckelhaering (Der lustige Zecher), um 1628, © MdbK
Frans Hals, Peeckelhaering (Der lustige Zecher), um 1628, © MdbK

Die Änderung von Namen und Begriffen ist ein emotional besetztes Thema. Als ein Museum für die gesamte Stadtgesellschaft möchten wir das MdbK so diskriminierungsfrei wie möglich gestalten. Gleichzeitig gilt es, die schmerzvolle Geschichte des Rassismus, die sich mitunter auch in Kunstwerken spiegelt, nicht zu negieren oder zu verdrängen, sondern zu vermitteln. Zwei Werke erfuhren in jüngerer Zeit eine Änderung: Die Skulptur Warum zum Sklaven geboren? von Jean-Baptiste Carpeaux trug bis Januar 2021 den Zusatztitel Die N******. Der Peeckelhaering von Frans Hals macht die Wandelbarkeit vermeintlich feststehender Werktitel deutlich. Über 200 Jahre hieß es Peekelharing bzw. Der lustige Zecher. Es zeigt einen Volksschauspieler mit rotbraun geschminktem Gesicht. Erst seit Wilhelm Bode – der das vermeintliche Porträt eines Afro-Niederländers (von ihm als M*l*tt* bezeichnet) bemängelte – es 1889 erwarb, wurde dieser verunglimpfende Titel benutzt. Die Stimmen von Expert*innen in eigener Sache – Menschen mit Rassismuserfahrungen – und den interdisziplinären Forschungsstand von BIPoC-Wissenschaftler*innen werden Sie bald in der neuen Sammlungspräsentation finden.

Change it!

Labor Zusammenhang, 2020
Labor Zusammenhang, 2020

In den Werkgesprächen blind sehen hat ein Tandem aus einem blinden und einer sehenden Kunstvermittler*in gemeinsam mit nicht-sehenden und sehenden Besucher*innen Kunstwerke der Romantik besprochen. Dabei galt es, die Werke möglichst logisch, präzise und anschaulich zu beschreiben, ohne dabei zu werten, um dann darüber ins Gespräch zu kommen. In dem Projekt "Labor Zusammenhang" haben Teilnehmende des Vereins GebärdenVerstehen einen Film produziert, in dem sie in Gebärdensprache (mit Untertiteln) künstlerische Fotografien besprechen und dem Publikum vermitteln. Beide Formate eint der Ansatz, mit Vertreter*innen von Interessengruppen das Programm zu entwickeln, anstatt für sie. Für Change-Prozesse sind Kontinuität und Weiterentwicklung in der Zusammenarbeit mit Externen gefragt, die angemessen honoriert werden müssen.

Ein paar Narben bleiben

Claude-Joseph Vernet, Italienischer Seehafen (Straße nach Neapel mit Felsen von Terracina), um 1750, © Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig
Claude-Joseph Vernet, Italienischer Seehafen (Straße nach Neapel mit Felsen von Terracina), um 1750, © Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig
Claude-Joseph Vernet, Italienischer Seehafen (vor der Restaurierung), um 1750, © Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig
Claude-Joseph Vernet, Italienischer Seehafen (vor der Restaurierung), um 1750, © Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Aus der Stiftung Maximilian Speck von Sternburg stammt der Italienische Seehafen (um 1750/60) des französischen Malers Claude-Joseph Vernet (1714–1789), der mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung jetzt wieder präsentiert werden kann. Das Gemälde kam 1945 schon beschädigt aus dem Schloss Lützschena ins MdbK. Ein Katalog von 1898 verweist auf einen Brandschaden, der einen Großteil des Bildes beschädigt hat. Bei den Voruntersuchungen stellte sich heraus, dass es sich dabei um die Folgen eines restauratorischen Bearbeitungsfehlers handelt. Vor 1898 wurde eine zweite Leinwand auf die Bildrückseite geklebt und mit zu starker Wärmeeinwirkung aufgebügelt. Die Malschicht warf sich in Form von Bläschen und Hohlräumen auf und lag locker auf der Grundierung. Zunächst wurden die stark vergilbten Firnisschichten und Retuschen abgenommen. Durch zeitaufwendiges Kleben und Hinterfüllen der Farbschichten wurde die Substanz gesichert. Aufstehende Farbschollen konnten niedergelegt werden, Fehlstellen wurden ergänzt und retuschiert und das Gemälde neu gefirnisst. Einige irreversible Narben wird der genaue Blick dennoch finden.